Open-Design: Designer stellen Möbelbaupläne online

Verfasst von bz am 6. September 2010 - 19:10 06. September 2010

Es funktioniert in der Technik, warum also nicht auch bei Möbeln? So oder so ungefähr müssen die Gedanken des israelischen Designers Ronen Kadushin ausgesehen haben, als er sich für Open-Design als untechnischer Nachfolger von Open-Source entschieden hat. Kadushin stellt Baupläne für seine Möbel in die Tiefen des World Wide Web und fordert geradezu dazu auf, dass diese so oft wie möglich heruntergeladen und nachgebaut werden - denn umso bekannter wird er. Ob das Konzept aufgeht, bleibt abzuwarten - in vielen anderen Lebensbereichen funktioniert es, warum also nicht auch bei Designer-Möbel zum selbst Basteln?

Es wird dem Interessenten ein Bauplan vorgegeben - inklusive eines Fotos natürlich, wie das Designelement zum Schluss nach Kadushin aussehen sollte. Das Perfekte ist aber am Open Design: Gefällt es dem Hobby-Handwerker daheim in der Form nicht, wird hier noch etwas gesägt, da noch etwas geschliffen, schon ist die Eigenkonstruktion fertig, die sich am Design Kadushins anlehnt. Kadushin selbst ist in Berlin zu finden - im Prenzlauer Berg, einem der Szene-Viertel der Hauptstadt. Er sieht die Option, seine Möbelstücke nach eigenem Wunsch zu ändern, als "Vorteil von Open Design": Wer einen kantigen Stuhl aus Metall wünscht, erstellt sich diesen, wer etwa Kinder zu Hause hat, rundet eben noch die Ecken ab und nimmt anstelle von Metall doch eher Holz.

Der 45-jährige Designer schreitet selbstbewusst voran und behauptet, einer der Pioniere im Bereich Open Design zu sein. Hinter den "Open"-Konzepten - sowohl im Software-Sektor als auch bei Möbeln - steckt die Philosophie, dass ein Produkt nie als vollendet angesehen werden sollte - es gibt immer Optimierungsmöglichkeiten für individuelle Situationen. Ronen Kadushin kam aber nicht ganz freiwillig an diese Idee, sondern aus einer Notlage heraus: In Israel fehlten dem Designer Produktionsräume - er wusste nicht, wo er seine Möbel herstellen konnte. Also wollte er nach Europa und fand in Italien einen Produzenten, der für ihn Stühle herstellen wollte. Ein fünfmonatiger Vertrag wurde aufgesetzt, aber der Produzent stellte nach vier Monaten fest, dass ihm das zu riskant sei. Kadushin erklärt seine Lage: "Nachdem ich aufgehört hatte zu weinen, begann ich mich zu fragen: Wie kann es sein, dass irgendein Art Director in Italien über meine Karriere entscheidet?"

Im Jahre 2000 dann beschäftigte sich der Designer mit der Lage von Industriedesignern. Die Abhängigkeit von großen Konzernen stieß ihm dabei sauer auf: "Nur eines von zwanzig Designs wird auf diesem Weg tatsächlich hergestellt. Und die wenigsten überleben das erste Jahr." Kadushins Design-Masterarbeit stand noch aus und so widmete er sich der damals aufkeimenden Open-Source-Idee. Seine Kenntnisse und Fähigkeiten wolle er mit anderen teilen, um so ein Gemeinschaftsprojekt entstehen zu lassen. Seine Möbel sollten von anderen nachgebaut werden - vielleicht entstünden so Optimierungen des Produkts. Definitiv aber würde sein Bekanntheitsgrad dadurch steigen.

Aber die Produktionsschritte müssten noch umgangen werden - er kam auf den Gedanken, Design in Produktion umzuwandeln. CNC Maschinen (computergesteuerte Werkzeuge, die komplexe Arbeiten vollrichten können) waren seine Rettung: Seine Möbel wurden in eine Datei gepackt, diese an die CNC-Maschine weitergeleitet und diese fräst anschließend die gewünschte Form. Die Herstellung wurde damit deutlich günstiger. Im Jahr 2005 ging es für Kadushin nach Berlin - wie das Gros der Berlin-Einwanderer mit der Hoffnung, direkt in der Szene zu sein. Mit dem Projekt "Betahaus"gründete er mit anderen jungen Designern unter dem Titel "Open Design City" eine Stätte, in der Synergien zusammenfließen können. In diesem Projekt geht es vorrangig darum, Ideen zu entwickeln und gemeinsam an diesen weiterzuarbeiten, ohne dass beim Endprodukt erkennbar ist, welcher Input von wem stammt. Es geht also um das Ergebnis, nicht um den Ruhm.

Ronen Kadushin werkelt allerdings lieber für sich, allein im stillen Kämmerlein. Erfolgreich, mittlerweile. Mit einem Händler und einer Galerie hat er Vertriebswege für seine Möbel gefunden - zwar ist sein Design insofern closed, als dass er nach eigenen Angaben ungern bei anderen Designern mitarbeitet, aber open insofern, als dass sich jeder seiner Baupläne bedienen darf - kostenlos. Zumindest für den privaten Nachbau. Will jemand auf Basis von Kadushins Ideen weiterentwickeln und -vertreiben, werden Lizenzgebühren fällig. Natürlich hat Kadushin kein Rezept gegen illegale Plagiate: "Da kann ich nichts machen. Das passiert doch überall. In China wird gerade der Mercedes Smart kopiert. Was will man dagegen machen? China verklagen? Ihre Copyright-Gesetze?" Mit oder ohne Erlaubnis würden die Menschen es einfach tun.

Und Kadushin selbst sieht es locker: So steigt wenigstens seine Bekanntheit. Und je mehr Leute seine Handschrift kennen, umso besser wird sein Ruf und damit der Name Kadushin. Im Übrigen unterrichtet der Designer auch Open Design an Hochschulen. Er will seinen Studenten beibringen, wie sie von der "Kirche der Massenproduktion" ausbrechen können - ein individueller Weg sei doch eher der richtige ...

ronen-kadushin.com

Bild: ronen-kadushin.com